
Hm…
Verzeih mir, ich muss nur eben… ja, so… die Pfeife ein wenig
nachstopfen. Ein Ritual, das mir hilft, die Gedanken zu ordnen.
Und wenn ich an Ophoven denke, an die Schule, die einst hier
stand, dann gibt es viel zu ordnen. Mehr, als man auf den
ersten Blick ahnt.
Weißt du, nachdem die alte Schule im Zweiten Weltkrieg zerstört
worden war, stand die Gemeinde vor einem Scherbenhaufen. Und
doch — wie so oft in der Geschichte — wuchs aus der Not etwas
Neues. 1946 gelang es ihnen, eine kleine Baracke des
Wassenberger Arbeitsdienstes zu bekommen. Sie stand hier auf
der Bleek, genau auf dem Rasenplatz hinter dir. Eine einfache
Konstruktion, kaum mehr als ein Provisorium. Die Bänke waren
teils geliehen, teils zusammengezimmert, aber sie reichten aus,
um zwei Klassen gleichzeitig zu unterrichten.
Ich erinnere mich noch gut an die Berichte über den hohen Ofen
in der Mitte der Baracke. Ein gewaltiges Ding, das im Winter
knisterte und die Kinder mit seiner Wärme umhüllte. Und 1948,
als die Aachener Regierung zweitausend Mark beisteuerte,
konnten endlich neue Schulbänke angeschafft werden. Ein kleiner
Fortschritt, aber ein wichtiger.
Doch die Baracke war nie als Dauerlösung gedacht. Die Gemeinde
wollte mehr — und sie brauchte mehr. Am 27. Dezember 1948
fasste der Gemeinderat den Beschluss, eine neue zweiklassige
Volksschule zu bauen, direkt neben der Pfarrkirche. Ein mutiger
Schritt, wenn man bedenkt, wie knapp die Mittel damals waren.
Aber die Landesregierung in Düsseldorf stellte die Gelder
bereit, und so konnte der Bau beginnen.
Ich sehe sie förmlich vor mir: Bürgermeister Caron, sein
Stellvertreter von Helden, die Männer der Baufirma Hasert, die
Zimmerleute Janzen und Noethlings. Menschen, die anpackten,
ohne zu klagen. Noch vor dem Winter begannen die
Ausschachtungsarbeiten. Und am Morgen des 7. März 1950 wurde
der Grundstein gelegt. Eine feierliche Zeremonie, mit Liedern
der Schulkinder, mit Reden, mit dem Segen von Pfarrer Bohnen.
Ein Moment, der sich tief in die Erinnerung des Dorfes
eingebrannt hat.
Schon am 31. Mai konnte Richtfest gefeiert werden. Und im
Sommer 1950 waren die meisten Arbeiten abgeschlossen. Am 18.
August zogen die Kinder ein — zum ersten Mal Unterricht in
einem richtigen Schulgebäude. Mit zwei Klassenräumen. Und, man
höre und staune, mit Toiletten im Haus. Ein „Abort“ für Lehrer,
Knaben und Mädchen. Für die Ophovener Kinder war das eine
kleine Sensation.
Ach, und Lehrer Randerath…
Ein Original, wie man es heute kaum noch findet. Er wohnte mit
seiner Frau oben in der Lehrerwohnung, hielt Kaninchen im Stall
hinter dem Feuerlöschraum und pflanzte Erdbeeren und Kirschen
im Garten. Wer sich schlecht benahm, durfte — oder musste —
beim Umgraben helfen. Eine Strafe, die man sich heute kaum
vorstellen kann. Und wenn Frau Randerath ihre Wäsche fertig
hatte, warf sie kleine Steine ans Klassenfenster. Das war das
Zeichen: Die Jungen trugen die Wäschekörbe, die Mädchen hängten
die Wäsche auf. Eine andere Zeit, gewiss, aber nicht ohne
Charme.
Für die Jugendlichen, die wegen der Kriegswirren keinen
Abschluss machen konnten, stellte Lehrer Forscheln später
nachträgliche Zeugnisse aus. Eine stille, aber wichtige
Geste.
Doch die Landesregierung hatte andere Pläne. Kleine
Volksschulen sollten geschlossen werden, zugunsten größerer
Einrichtungen. Ophoven wehrte sich, so gut es konnte. 1968
wurde ein Schulverband mit Kempen beschlossen, und als die
Schule im Sommer desselben Jahres endgültig geschlossen wurde,
gingen die Kinder fortan dorthin. Ab 1972 dann nach
Birgelen.
So…
Die Pfeife glimmt wieder. Und während der Rauch langsam
aufsteigt, denke ich daran, wie viele Geschichten in diesen
Mauern steckten. Wie viele Schritte über den Schulhof gingen,
wie viele Stimmen durch die Räume hallten.
Die Schule ist verschwunden, aber ihre Geschichte — die bleibt.
Und manchmal, wenn ich hier sitze und die Pfeife stopfe,
scheint es mir, als könnte ich sie noch hören.
In Anlehnung an "Ophoven Dorfchronik" von Ingo Caron
