Naturschutz und Heimatpflege

Es gibt Funde, die man in der Erde sucht. Und es gibt Funde, die man in Geschichten findet. Ophoven gehört zu jenen Orten, an denen beides miteinander verschmilzt. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich zum ersten Mal von den drei Reliquien hörte, die einst den Kirchenschatz dieses Dorfes ausmachten: die frühgotische Marienfigur, das Haupt der heiligen Agatha – und der Schuh der Gottesmutter.
Der Schuh.
Allein das Wort ließ mich aufhorchen. Nicht ein Knochen, nicht ein Splitter, nicht ein Stofffetzen – ein Schuh. Ein Gegenstand, der getragen wurde, der Schritte gemacht hat, der Wege kannte. Und um genau diesen Schuh entstand ein Wallfahrtskult, der bis heute anhält, obwohl das Heiligtum längst verschwunden ist.
Die ersten urkundlichen Belege stammen aus dem 17. Jahrhundert. Pilger aus Köln, Aachen, Düsseldorf, Kleve, Meppen, Jülich, Brüssel, Antwerpen, Roermond – sie alle kamen hierher. Aber ich bin sicher: Die Wallfahrt begann viel früher. Orte wie dieser warten nicht auf Schriftstücke, um heilig zu werden.
1712 wird berichtet, dass ein Kind aus Roermond von einer unheilbaren Augenkrankheit geheilt wurde – drei Tage nachdem die Eltern in ihrer Verzweiflung zur Gottesmutter nach Ophoven geeilt waren. Und 1718, so erzählt man, wurde eine Frau, die in der Rur zu ertrinken drohte, plötzlich von ihren eigenen Kleidern getragen, als wären sie ein Segelboot. Sie trieben sie bis in die Nähe der Kirche, wo ein Bauer sie mit einem Haken an Land zog. Ich habe viele Legenden gehört, aber diese… sie hat etwas Wildes, etwas Ungezähmtes.
Der Schuh Mariens wurde bei den Marienfesten gezeigt. Über der Statue stand das Spruchband Accedite me – „Kommet her zu mir“. Rechts davon brannte das ewige Licht, links hing das Reliquiar mit dem Schuh. Zu ihren Füßen kniete ein Bauernpaar, das um Schutz bat. Besonders schwangere Frauen vertrauten auf die Kraft dieser Reliquie. Man berührte gedruckte Votivbilder mit dem Schuh, in der Hoffnung, ein Stück seines Segens mitzunehmen.
Karl-Josef Kutsch berichtet sogar, dass der Kurfürst Johann Wilhelm II. 1713 den Pfarrer von Ophoven nach Düsseldorf rufen ließ. Der Pfarrer brachte den Schuh mit – und mehr als 3.000 Gläubige verehrten ihn dort. Zwei Jahre später kam das kurfürstliche Paar selbst nach Ophoven, um den Schuh auf den Knien zu empfangen. Ein Dorf, kaum ein Punkt auf der Karte – und doch ein Zentrum der Hoffnung.
Doch wie kam der Schuh überhaupt hierher?
Der Regensburger Marienkalender von 1894 erzählt eine Geschichte, die so unwahrscheinlich ist, dass sie fast schon wieder möglich klingt: Kaiser Konrad III. habe den Schuh dem Frankenkönig Dagobert geschenkt, und irgendwie sei er später nach Ophoven gelangt. Historisch ist das Unsinn – Dagobert lebte Jahrhunderte früher. Die Pergamenturkunde, die alles beweisen sollte, ist verschwunden. Und so bleibt die Herkunft des Schuhs ein Rätsel. Ein Rätsel, das mich bis heute reizt.
Was wir wissen: In der Nacht vom 6. auf den 7. Dezember 1826 wurde der Schuh gestohlen. Zusammen mit mehreren silbernen Gefäßen. Und er blieb verschwunden. Kein Hinweis, keine Spur. Nur Geschichten.
Eine alte Überlieferung behauptet, der Schuh sei schon einmal gestohlen worden. Damals hätten die Diebe ihn im Dalheimer Wald weggeworfen, wo man ihn später fand. Beim zweiten Diebstahl, so heißt es, seien die Diebe durch die Rur geflohen. Und der Pfarrer habe den Raub vorhergesagt – weil die Pilger sich zu sehr von weltlichen Vergnügungen hätten ablenken lassen.
Rom schenkte später Ersatzreliquien: Stoffpartikel vom Kleid Mariens, vom Gewand des heiligen Josef, von den Gebeinen der heiligen Agatha und der Apostel. Ob sie echt sind? Wer weiß das schon. Aber vielleicht ist das gar nicht der Punkt.
Denn Ophoven ist bis heute ein Wallfahrtsort. Die Kirche bewahrt Schätze, die man nicht in Gold messen kann: die Anna-Selbdritt-Figur, ein Messbuch von 1907, ein Gremial. Und irgendwo, tief in der Geschichte, liegt der Schuh der Gottesmutter – ob in der Erde, im Fluss oder in den Erzählungen der Menschen.
Und manchmal, wenn ich durch die Kirche gehe und meine Hand über die alten Steine gleiten lasse, frage ich mich:
Vielleicht ist der größte Schatz nicht der Schuh selbst, sondern die Geschichten, die er hinterlassen hat.

In Anlehnung an "Ophoven Dorfchronik" von Ingo Caron