
Manchmal, wenn ich in unserer Kirche sitze und es ganz still
ist, fühle ich mich ein bisschen so, als wäre ich in einem
Museum voller Geheimnisse. Alles riecht nach Holz und Kerzen,
und wenn das Licht durch die Fenster fällt, sieht es aus, als
würden die Figuren an den Altären lebendig werden. Ich weiß,
das klingt vielleicht komisch, aber wenn du hier groß wirst,
dann kennst du jede Ecke – und trotzdem entdeckst du immer
wieder etwas Neues.
Am meisten beeindruckt mich das Gnadenbild von Maria. Das ist
richtig alt, ungefähr aus dem Jahr 1350. Stell dir das mal vor!
Damals gab es noch Ritter und Burgen, und trotzdem steht diese
Figur heute noch hier. Früher trugen Maria und das Jesuskind
sogar echte, kostbare Kleider. Und sie standen im Altarbogen,
sodass jeder sie sofort sehen konnte. Die Leute glaubten, dass
Maria hier in Ophoven Wunder wirkt. Und anscheinend kamen sogar
Fürsten und Herrscher mit ihren ganzen Gefolgschaften hierher,
nur um ihr etwas zu erzählen oder um Hilfe zu bitten. Das finde
ich total verrückt – dass unser kleines Dorf mal so wichtig
war.
Im Pfarrarchiv stehen viele Geschichten über Heilungen und
Gebetserhörungen. Aber die Erwachsenen sagen immer, dass die
wichtigsten Wunder die sind, die man nicht sieht. Dass Maria
den Menschen Trost gegeben hat, wenn sie traurig waren, oder
Mut, wenn sie Angst hatten. Ich mag den Gedanken, dass jemand
einfach da ist, wenn man ihn braucht.
Die Statue selbst zeigt Maria als Königin. Sie sitzt auf einem
Kastensitz mit einem Kissen, hält ein Zepter in der rechten
Hand und mit der linken das Jesuskind, das auf ihrem Knie
steht. Sie schaut gar nicht so „mütterlich“, wie man es
vielleicht erwarten würde. Eher stolz und stark. Und das Kind
hält eine Erdkugel mit einem Kreuz darauf – als Zeichen dafür,
dass er derjenige ist, der die Welt segnet. Maria zeigt also
auf ihn, nicht auf sich selbst. Das finde ich irgendwie
schön.
Dann gibt es noch die beiden Seitenaltäre. Der nördliche hat
eine Statue von Josef, der das Jesuskind an der Hand führt.
Über ihm ist ein Relief von Gottvater, der seine Hand zum Segen
hebt. Es sieht so aus, als würde er sagen: „Ich pass auf euch
auf.“ Der südliche Seitenaltar gehört der Heiligen Agatha. Über
ihr ist ein Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Blut
füttert. Das soll zeigen, wie selbstlos Liebe sein kann. Ich
wusste das früher nicht und fand den Pelikan einfach nur
cool.
Die lebensgroße Josef-Statue aus Lindenholz ist auch
beeindruckend. Sie ist aus der Zeit um 1650. Josef sieht aus,
als würde er gerade losgehen, und das Jesuskind hält seine
Hand, als würde es gleich anfangen zu lachen. Als sie die
Statue mal umgestellt haben, fanden sie darunter einen kleinen
Grabstein von einem Pfarrer, der vor über 300 Jahren gelebt
hat. Das klingt wie eine Szene aus einem Abenteuerfilm.
Es gibt auch eine Figurengruppe, die „Anna Selbdritt“ heißt.
Anna, die Großmutter von Jesus, hält Maria und das Jesuskind.
Anna lächelt so warm, dass man fast zurücklächeln muss. Hinter
ihr ist eine Grabplatte von einem Pfarrer, der 1809 gestorben
ist. Ich finde es faszinierend, wie viele Menschen hier ihre
Spuren hinterlassen haben.
Die Kanzel ist aus dem Jahr 1753. Auf ihr sind Jesus und die
vier Evangelisten zu sehen. Die Figuren wirken fast so, als
würden sie gleich anfangen zu sprechen. Und die musizierenden
Engel aus dem Rokoko – die sind richtig schön. Ihre Gesichter
sehen so freundlich aus, und ihre Kleidung wirkt, als würde sie
sich im Wind bewegen.
Das Kreuz aus dem 16. Jahrhundert strahlt eine Ruhe aus, die
ich gar nicht richtig beschreiben kann. Jesus sieht nicht aus,
als würde er leiden, sondern eher so, als hätte er Frieden
gefunden.
1951, als die Kirche neu ausgemalt wurde, fanden sie an den
Seitenwänden des Chores alte Wandmalereien aus dem 16.
Jahrhundert. Blumenranken, Blätter und Heilige – Barbara,
Apollonia und vielleicht Agnes. Eine Figur fehlte, und der
Restaurator hat sie ergänzt. Ich stelle mir vor, wie er da
stand und überlegte, wie sie wohl ausgesehen haben
könnte.
Wenn ich all das sehe, denke ich manchmal: Unsere Kirche ist
wie ein großes Geschichtsbuch. Nur dass man die Geschichten
nicht liest, sondern fühlt. Und irgendwie macht das alles hier
ein bisschen magisch.
In Anlehnung an "Ophoven Dorfchronik" von Ingo Caron
