Naturschutz und Heimatpflege

Es gibt Orte, die man nicht einfach betritt. Orte, die man betritt und spürt. Das Wassenberger Land gehört zu diesen seltenen Flecken Erde. Wenn ich heute durch die Wälder streife, die sich um Wassenberg schmiegen, kann ich mir kaum vorstellen, wie es hier vor rund einem Jahrtausend ausgesehen haben muss. Und doch — manchmal, wenn der Wind durch die Bäume fährt, scheint es mir, als würde die Landschaft selbst flüstern.
Damals war dies ein Ödlandstreifen, eine fast unberührte Wildnis. Nur wenige Wege durchzogen das Dickicht, kaum mehr als Trampelpfade. Die Menschen lebten verstreut, und der Adel misstraute seinen eigenen Bauern so sehr, dass er ihnen keine Waffen anvertraute. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Denn die Bauern bauten sich ihren eigenen Schutz — und hinterließen Spuren, die bis heute sichtbar sind, wenn man weiß, wo man suchen muss.
Die Motten.
Erdwälle, künstliche Hügel, frühe Verteidigungsanlagen. Im Wassenberger Land gibt es eine erstaunliche Anzahl davon, viele aus karolingischer Zeit, also zwischen 751 und 911. Eine solche Dichte ist kein Zufall. Sie deutet auf eine geschlossene Verteidigungslinie hin — ein Netz aus Wachtposten, Zufluchtsorten und Warnsystemen. Ein mittelalterliches Frühwarnsystem, wenn man so will.
Einige dieser Motten entwickelten sich später zu steinernen Burgen. Schloss Elsum. Die Burg Wassenberg. Monumente, die heute stolz in der Landschaft stehen, aber ihre Wurzeln tief in diesen unscheinbaren Erdhügeln haben.
Besonders Ophoven hat mich immer fasziniert. Die alten Geschichten behaupten, dass hier mindestens eine Motte gestanden hat. Und tatsächlich: Rund hundert Meter nordwestlich davon entstand später ein befestigter Hof am Baaler Bach — Gut Wylack, wie wir es heute nennen. Ein Ort, der seit jeher zum Kirchspiel Ophoven gehörte und dessen Geschichte sich wie ein Palimpsest über die Jahrhunderte legt.
Der ursprüngliche Mottenhügel selbst? Abgetragen im 19. Jahrhundert. Ein Verlust, der mich jedes Mal schmerzt, wenn ich darüber nachdenke. Wie viele Geheimnisse mögen mit ihm verschwunden sein? Wie viele Scherben, wie viele Spuren von Feuerstellen, wie viele Geschichten?
Und dann ist da noch die zweite Motte, von der Reinhard Friedrich und Bernd Päffgen berichten. Südöstlich der Mühle im Ortskern soll sie gestanden haben. Ein Rundhügel, von einem Graben umgeben, zwanzig Meter hoch, sechs bis acht Meter im Durchmesser. Ein beeindruckendes Bauwerk — wenn es denn wirklich existierte. Die Quellen sind unsicher, die Spuren verwischt. Vielleicht stand sie hier. Vielleicht auch nicht. Die Vergangenheit ist selten großzügig mit eindeutigen Antworten.
Aber genau das ist es, was mich antreibt.
Dieses Land ist voller Rätsel. Voller Spuren, die man nur erkennt, wenn man bereit ist, sich die Hände schmutzig zu machen, den Boden zu öffnen, die Schichten der Zeit freizulegen.
Manchmal, wenn ich am Baaler Bach entlanggehe, stelle ich mir vor, wie die Motten einst über die Landschaft wachten. Wie die Menschen hier lebten, kämpften, hofften. Und ich weiß: Auch wenn viele dieser Hügel verschwunden sind, ihre Geschichten sind es nicht. Sie liegen unter der Oberfläche — und warten darauf, dass jemand sie wieder ans Licht holt.

In Anlehnung an "Ophoven Dorfchronik" von Ingo Caron