
Weißt du, manchmal sitze ich hier, direkt vor meinem Kamin, und
lausche dem Knistern des Holzes, als würde es mir Geschichten
zuflüstern. Geschichten von früher, von Landschaften, die sich
verändert haben, und von kleinen Wundern, die man nur erkennt,
wenn man lange genug hinschaut.
Einer dieser Orte, der mich seit Jahrzehnten begleitet, ist der
Baalbach. Ein unscheinbarer Bach, würden manche sagen. Aber für
mich war er immer ein kleines Forschungsfeld, ein Stück
lebendige Geschichte.
Der Baalbach entspringt in den Bruchquellen des Judenbruchs in
Wassenberg. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten
Untersuchungen dort. Das Wasser war klar und kalt, und die
Vegetation dicht wie ein grünes Geheimnis. Von dort zieht der
Bach an Forst vorbei, ruhig, fast schüchtern, als wolle er
nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen. Hinter dem Hof Wylack
nimmt er dann den Birgeler Bach auf — den Mühlenbach, wie ihn
die älteren Leute nennen. Zwei Wasserläufe, die sich vereinen,
als hätten sie ein gemeinsames Ziel.
Danach fließt er weiter Richtung Ophoven. Früher, lange bevor
ich meine ersten Messgeräte in die Hand nahm, füllte er den
Weiher an der Ophovener Mühle. Ich habe alte Karten gesehen,
vergilbt und brüchig, auf denen dieser Weiher wie ein kleiner
Spiegel in der Landschaft lag. Heute ist davon kaum noch etwas
zu erkennen. Die Zeit hat ihre eigenen Gesetze.
Westlich von Steinkirchen schließlich mündet der Baalbach in
die Rur. Ein stiller Übergang, fast bescheiden. Viele Menschen
gehen dort spazieren, ohne zu ahnen, wie weit dieses kleine
Gewässer gereist ist.
Was mich immer besonders fasziniert hat, ist der Bachlauf durch
die Ortsmitte. Er wurde später größtenteils unterirdisch
verlegt. Ein Bach, der im Verborgenen weiterlebt — das hat
etwas Symbolisches. Manchmal denke ich, dass auch wir Menschen
vieles in uns tragen, das niemand mehr sieht, das aber trotzdem
weiterfließt.
Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde am Baaler Bach die
Wäsche gewaschen. Stell dir das vor: Frauen, die sich am Ufer
versammelten, redeten, lachten, arbeiteten. Und auf dem Anger
vor der alten Schule wurde die Wäsche gebleicht. Dieser Platz
heißt noch heute „Bleek“. Ein Name, der wie ein Echo aus einer
anderen Zeit klingt.
Wenn ich darüber nachdenke, wie sehr sich alles verändert hat,
spüre ich eine Mischung aus Wehmut und Bewunderung. Die
Landschaft wandelt sich, die Menschen wandeln sich — und doch
bleibt etwas bestehen. Vielleicht ist es die Erinnerung.
Vielleicht ist es der Bach selbst, der trotz aller Verrohrung
und Modernisierung seinen Weg findet.
Und so sitze ich hier, vor meinem Kamin, und denke an den
Baalbach. Ein kleiner Bach, gewiss. Aber einer, der mehr
Geschichten trägt, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
In Anlehnung an "Ophoven Dorfchronik" von Ingo Caron
